Über die bebende Erde und die Zeit danach

Über die bebende Erde und die Zeit danach

eden-foto-4

Mit diesem Text, der wenige Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal im April 2015 von Janne, einer unserer HeiSDA-Aktiven, verfasst wurde, wollen wir noch einmal an die nach wie vor wichtige (Wieder-)Aufbauarbeit erinnern, die unsere Volunteers in diesem Sommer leisten werden. Das Fundraisen ist in vollem Gange und wir sind für jeden Euro dankbar!

_____________________________________________________________________________________

Menschen gehen geschäftig durch die engen Straßen. Motorräder bahnen sich hupend ihren Weg vorbei an Straßenhändlern, die lauthals ihre Ware anpreisen. Bettler schlafen ihren Rausch in Hausnischen aus. Kinder spielen fröhlich in ihren schmutzigen Schuluniformen. Gemüse, Reis, Linsen und bunte Blumenmalas liegen ausgebreitet. An den unzähligen Tempeln und Schreinen vollführen alte Frauen Mantras murmelnd ihre Rituale. In der einen Gasse duftet es nach Masala und Tee, in der nächsten nach Fäkalien und Abgasen. Das Fett brutzelt in den dunklen Garküchen, wo sich Männer zum täglichen Plausch treffen.
Es scheint ein ganz gewöhnlicher Vormittag in Nepals Hauptstadt Kathmandu zu sein. Keiner ahnt, dass in jene freundlich dreinblickenden Augen bald ein Ausdruck tiefer Angst einkehren wird.
Genau um 12 Uhr mittags (des 25. April 2015) beginnt die Erde zu grollen. Wände biegen sich, als bestünden sie aus Gummi. Fenster zersplittern. Mauern stürzen ein, reißen ganze Gebäude mit sich. Der Boden tut sich auf. Menschen rennen panisch schreiend umher, klammern sich Halt suchend aneinander. Für einen Moment wird die Erde ruhig. In uns bebt es weiter. Die ersten Nachrichten von tödlich Verunglückten machen sich breit. Dann bebt es von Neuem. Die Erde scheint all ihre Kraft beweisen zu wollen.

eden-foto-5In den Stunden und Tagen nach dem Hauptbeben erkennt man Nepal nicht wieder. Garagentore halten die Einkaufsläden geschlossen. Straßen, die einst lebendig waren, sind tot und von Trümmern gesäumt. Häuser stehen leer. Ganze Dörfer sind verschwunden und die Pfade zu ihnen verschüttet. In den Menschen herrscht eine unglaubliche Anspannung, große Angst, Entsetzen und Trauer. Man versucht, es sich auf offenen Plätzen und in Parks gemütlich zu machen. Kunstvoll werden Plastikplanen gespannt. Glück hat, wer sich noch darunter quetschen kann. Alle anderen werden vom Regen überrascht. Dicht an dicht gedrängt werden alte Lieder angestimmt. Wir begeben uns in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder werden wir von der bebenden Erde geweckt. Menschen schreien, rennen, weinen, haben unbeschreibliche Angst, doch das gastfreundliche Herz der Nepalesen hört auch hier nicht auf zu schlagen. Selbst an jenen Morgen wird uns süßer Tee angeboten und ein Lächeln geschenkt.
Trinkwasser und Lebensmittel werden von Stunde zu Stunde knapper. Man teilt, was man noch finden kann. Krankheiten verbreiten sich in den Lagern. Nach wenigen Tagen der Not öffnen die ersten Geschäfte wieder. Die Verkäufer arbeiten unter großem Risiko, doch sie brauchen den Verdienst, um ihre Familien zu ernähren. Andernorts helfen viele so gut sie können bei Aufräumarbeiten. Trümmer werden durchwühlt, Verschüttete geborgen, Verletzte versorgt. Die Totenfeuer an den heiligen Flussufern brennen hell und unaufhörlich.
Nachrichten über das Ausmaß der Beben verbreiten sich schnell. Knapp 9.000 Menschen sollen bei dem 7,8 starken Beben und seinen zahlreichen starken Nachbeben ums Leben gekommen sein, etwa 22.300 sind verletzt. Es zählt als die tödlichste Katastrophe in der Geschichte Nepals. Man schätzt, dass mindestens acht Millionen Menschen von dem Unglück betroffen sind und dass mehr als 1,4 Millionen auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind.

Die ganze Welt erfährt davon, ist entsetzt und vergisst wieder. Andere Probleme kommen einem in den Sinn. Die Medien haben ja schließlich bereits von Hilfe für Nepal berichtet. Mit dieser Soforthilfe sind Nepals Probleme jedoch noch lange nicht gelöst. Ich spreche von einem der ärmsten Länder der Erde. Unzählige Menschen haben Familienangehörige und Freunde verloren. Kinder wurden zu Waisen. Eingestürzte Häuser haben das wenige Hab und Gut, den einzigen geschützten Wohnraum unter sich begraben. Die wenigen Einnahmequellen sind weitgehend zerstört und mich erreichen noch immer Mails mit den Worten: „die Erde hört nicht auf, zu beben. Wir haben solche Angst!“
eden-foto-3Die meisten Nepalesen leben von dem Lohn auf die Hand. Viele müssen mit einem Dollar pro Tag auskommen. Wenn selbst dieser fehlt, vergrößert sich das Elend ungemein. Sehr viele Menschen leben in Nepal vom Tourismus, doch nun lässt sich in diesem wunderschönen Land kein Tourist mehr blicken. Dabei sind einige Trekkingrouten und Touristenhighlights verschont geblieben. Man muss dieses Land und seine überaus herzlichen Bewohner einfach lieben, wenn man es einmal erlebt hat. Ich habe kaum einen Reisenden anders davon sprechen hören.

Während das Trinkwasser noch immer knapp ist, bricht der Monsun aus den Wolken. Ganze Zeltstädte, die in den vergangenen Wochen aufgebaut wurden, werden von den Fluten davongerissen. Die Menschen fliehen erneut, suchen sich in all dem Chaos vergebens eine neue Bleibe.
Doch sie sollen in all diesem Leid nicht ihre Hoffnung und Zuversicht verlieren und genau da können wir sie unterstützen. Jeder Einzelne von uns kann neue Hoffnung und Zuversicht schenken. Ich wünsche mir, dass wir nicht vergessen und die Arbeit auf halbem Weg fallen lassen, sondern unseren Mitmenschen so weit helfen, bis sie wieder weitgehend auf eigenen Beinen stehen und unter menschenwürdigen Bedingungen leben können.

Bilder von Eden Row, http://www.edenrowphotography.com/
Text von Janne Wanner, HeiSDA